Ungeliebte ABWL

2=3=4

Irgendwie kann sie keiner leiden: die ABWL. Die Studierenden nicht, die Professoren nicht, und das Prüfungsamt wahrscheinlich auch nicht. Inhaltlich ist das aus Sicht der Studierenden beinahe zwangsläufig. Aus dem Angebot der neun zur Auswahl stehenden Veranstaltungen fallen mit den Spezialisierungen die beiden Fächer heraus, denen jeweils das meiste Interesse entgegen gebracht wird. Übrig bleibt ein ungeliebtes Residuum. Aber nicht nur inhaltlich weckt die Allgemeine Betriebswirtschaft wenig Begeisterung.

Auch hinsichtlich der Rahmenbedingungen ist die ABWL nicht sonderlich attraktiv. Dabei scheint es nach einem Blick in die Prüfungs- bzw. Studienordnung recht einfach. Man hört ab dem ersten Hauptstudiumssemester sukzessive die einzelnen Veranstaltungen, um nach dem dritten Semester kurzerhand die Prüfung abzulegen. Wer diesen Zeitpunkt verpaßt, hat im nächsten Semester nicht nur die ABWL-Prüfung, sondern gleichzeitig auch noch zwei Besondere BWL am Hals.

Um dieses zu verhindern, sind die verschiedensten Schwierigkeiten zu meistern. So gestaltet beispielsweise jeder Dozent sein Prüfungsmodul so, wie es ihm paßt. Eine Vorlesung ist zweistündig (z.B. Jahresabschluß), die nächste dreistündig (z.B. Entscheidungstheorie, inklusive der integrierten Übung), ein Fach hat eine dazu gehörige Übung im gleichen Semester (z.B. Finanzierung), das andere hat die Übung erst im nächsten (z.B. Steuern). Wieder andere Veranstaltungen haben gar keine Übung. Zwei SWS sind demnach gleich drei SWS und auch gleich vier SWS, denn in der Endabrechnung zählen sämtliche der vier abgefragten Teile zu 25 Prozent unabhängig von der jeweiligen Stundenanzahl. Alles klar?

Die einzelnen ABWL Veranstaltungen werden alternierend jedes zweite Semester angeboten. Im Wintersemester immer wieder die gleichen, und im Sommersemester auch immer die gleichen Fächer. Die im jeweils zweiten Hauptstudiumssemester angebotenen Veranstaltungen werden für die Kommilitonen also nur ein einziges Mal angeboten. Da dies aber kein Geheimnis ist, muß schon die Frage gestellt werden, warum dann die Stundenplaner parallel zu beispielsweise Internem Rechnungswesen nicht nur eine Veranstaltung eines AVWL Pflichtfaches, sondern darüber hinaus noch eine Vorlesung einer BWL Spezialisierung ansetzen. So viel Schizophrenie kann nun wirklich von keinem Studierenden verlangt werden.

Anstrengend ist nicht zuletzt auch der Umstand, daß sich der Inhalte bzw. der Umfang der einzelnen Prüfungsfächer ändern kann. Viel mehr als diese Tatsache an sich ist die Plötzlichkeit ärgerlich, mit der dies mitunter passieren kann. So hatte Entscheidungstheorie zu Beginn des vergangenen Semesters zwei Kapitel mehr als noch vor Jahresfrist (die allerdings letztendlich doch nicht mehr in der Vorlesung unterzubringen waren), beim Internen Rechnungswesen fiel ein Kapitel weg (wer weiß, vielleicht kommt es das nächste Mal wieder hinzu), das Steuerrecht ändert sich fachimmanent immerzu und bei den Fächern Jahresabschluß und Finanzierung ist die Schwerpunktsetzung zwischen den einzelnen Bestandteilen der Veranstaltung einem stetigen Fluß ausgesetzt.

Es könnte sich demnach ein Studierender in der Prüfung arg wundern, der bereits im fünften Semester eine ABWL vorlesungsmäßig abgehakt hat, wenn er im siebten Semester die Prüfungsfragen zu Gesicht bekommt.
Trotz allem stehen die Professoren fassungslos der Tatsache gegenüber, daß Studierende die Auswahl der Prüfungsmodule oft unter strategischen Gesichtspunkten vornehmen. Öfter schon wurde laut die Frage gestellt, welchen Maßnahmen denn taugen würden, um dies zu verhindern. Daß ein Hochschullehrer jedoch die Konsequenz gezogen hätte, um die Rahmenbedingungen für das Fach ABWL zu verbessern oder gar die Rolle eines aktiven Koordinators zu übernehmen - eine zentrale Informations- und Anlaufstelle währe dringend notwendig - ist dagegen noch nicht beobachtet worden. Ist ja nur ABWL. Dabei wurde bereits vor über anderthalb Jahren ein Professor bei der Bemerkung erwischt, daß die Konzeption der Allgemeinen Betriebswirtschaft eigentlich gescheitert sei. Aber ändern wird sich wohl in der nächsten Zeit nichts, denn für die eigene Reputation läßt sich durch Koordinierung von Lehre nichts gewinnen. Außerdem schreiben die Professoren keine Prüfungen mehr - den Leidensdruck haben andere. Und außerdem ist es ja sowieso nur ABWL.

Jens Krause